Der Rothwald:
Österreichs letzter Urwald

Tropen, Amazonas und das Dschungelbuch: Das sind, zumindest in unserer Redaktion, die ersten Assoziationen mit dem Wort „Urwald“. Doch auch in Niederösterreich schlummert ein Stück unberührter Natur.

„Es ist der einzige echte Urwald der Ostalpen und hat seit der Eiszeit keine Axt gesehen“, schreibt der WWF zum Rothwald und klärt damit auch gleich die Definition eines Urwalds: Er ist frei von menschlichen Einflüssen. Weder Abholzung noch Pflanzungen haben den Wald und sein Dasein geprägt. Einzig die Natur – und das seit der letzten Eiszeit.

Alte Eibe, Wildnisgebiet Dürrenstein-Lassingtal
Hans Glader

Alte Eibe, Wildnisgebiet Dürrenstein-Lassingtal

Kulturwälder

Das ist nämlich gar nicht so alltäglich. Denn so schön, wichtig und einzigartig Österreichs Wälder sind, sie zu einem großen Teil als „Kulturwälder“ das „Produkt“ von jahrhundertelanger Pflege und Nutzung durch den Menschen. Auch wenn die Akademie der Wissenschaften trotz der hohen Einflussnahme durch den Menschen rund zwei Drittel der gesamten Waldfläche als natürlich, naturnah und kaum verändert einstuft. Als Naturwald gilt allerdings nur eine kleine Fläche, als Urwald (seit der Eiszeit ohne menschlichen Einfluss) klarerweise noch weniger.

UNESCO-Weltnaturerbe

Zu den ursprünglichsten Orten zählt das Wildnisgebiet Dürrenstein-Lassingtal an der Grenze zwischen Niederösterreich zur Steiermark – westlich von Maria Zell. Dort erstreckt sich über 40 Quadratkilometer ein besonderes Stück Natur: der Rothwald. Sein Kernstück und ursprünglichste Teil ist der „Urwald Rothwald“ auf rund 4 Quadratkilometer, den ausschließlich die Natur prägt. Das Wildnisgebiet Dürrenstein inklusive dem Urwald Rothwald wurden 2017 gemeinsam mit anderen Wäldern zum „UNESCO-Weltnaturerbe Buchenurwälder und Alte Buchenwälder der Karpaten und anderer Regionen Europas“ ernannt. Ein Weltnaturerbe, das in 18 Ländern zu Hause ist. Unter anderem eben auch im Südwesten Niederösterreichs.

Urwald Rothwald, Wildnisgebiet Dürrenstein-Lassingtal
Theo Kust

Urwald Rothwald, Wildnisgebiet Dürrenstein-Lassingtal

Habichtskauz und Tannen-Stachelbart

Natürlich bietet so ein unberührtes Stück Natur auch für Flora und Fauna besondere Lebensbedingungen. So finden vor allem der Habichtskauz und der Tannen-Stachelbart (Pilzgattung aus der Ordnung der Täublingsartigen) hier ideale Bedingungen vor. Doch auch einem Alpensalamander, einem Luchs ja sogar einem Steinadler kann man im Wildnisgebiet Dürrenstein begegnen.

Eingeschränkter Besuch

Doch das Begegnen ist gar nicht so einfach, ist das Gebiet doch nur zu wissenschaftlichen Zwecken, strengstens auf Wegen oder im Rahmen genehmigter Führungen zugänglich. Denn es ist als "strenges Wildnisgebiet" durch die International Union for Conservation of Nature (IUCN) geschützt. Es ist wohl nur diesem Schutz zu verdanken, dass einige Bäume bereits über 1.000 Jahre alt sind.

Doch warum wurden die rund 500 Hektar Urwald (etwas größer als der 15. Bezirk in Wien) nie forstwirtschaftlich genutzt? Eine Mischung aus abgelegener Lage, Besitzverhältnissen und Grenzstreitigkeiten beschert uns den heutigen Urwald Rothwald. Der Name ist auch Folge dieser wechselnden Besitzverhältnisse: 1875 wurde der Grund an die Familie Rothschild (Ja, die bekannte Bankiersfamilie) verkauft, die in weiterer Folge den Urwaldbereich völlig unberührt ließ und das Gebiet weiterhin als Primärwald (Ein von menschlicher Einflussnahme nicht berührter Wald) für die Nachwelt zu erhalten. Albert Rothschild war es, der 1875 erstmals bewusst den Wald schützen ließ. Erst 2019 endete die Ära Rothschild und der Besitz wurde an die Industriellenfamilie Prinzhorn verkauft.

Blick ins Lassingtal aus dem Wildnisgebiet
Reinhard Pekny

Blick ins Lassingtal aus dem Wildnisgebiet

Der Titel des letzten Urwaldes stimmt übrigens nur bedingt, den tatsächlich gibt es auch noch ein paar andere Flächen, die den „Urwald-Status“ haben. Allerdings nur wenige Flecken. Daneben sind aber natürlich auch Kulturwälder schützenswertes Gut, da natürlich auch sie Lebensraum für Flora und Fauna bieten – und daneben für den Menschen einzigartige Erholungsräume schaffen und aktiv dabei helfen, das Klima zu schützen. Daher helfen wir Johnny Ertl bei der Wiederaufforstung.

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Wildnisgebiet Dürrenstein-Lassingtal

Wildnisgebiet Dürrenstein-Lassingtal