Eine Weihnachtsgeschichte für dich

„Es waren einmal…“ – jeder kennt sie, die magischen Worte, die uns direkt in eine andere Welt befördern. Was gibt es Schöneres als in der kalten Jahreszeit im Warmen beisammenzusitzen und sich etwas zu erzählen?

Herzensbildung für Groß & Klein

Geschichten und Märchen unterhalten, spenden Trost und vermitteln Weisheit. „Sie erzählen in einer sehr bildhaften Sprache von Herausforderungen und Prüfungen, vom Mut, Ängste zu überwinden, seinen Träumen zu folgen und das Leben in die Hand zu nehmen“, weiß die Erzählerin Julia Krusch. „Märchen sind Herzensbildung: Ohne erhobenen Zeigefinger vermitteln sie grundlegende Werte für ein friedvolles Zusammenleben. Kinder begreifen ihre Botschaften noch ganz intuitiv - das müssen wir Erwachsene erst wieder lernen.

Bei uns „Großen“ wecken die magischen drei Worte „Es war einmal..:“ vielleicht Erinnerungen an unsere Kindheit. An eine Welt voller Wunder und Verzauberungen. Auch an „Momente, in welchen wir auf Großmutters Schoß saßen und uns ihre bedingungslose Zuwendung gewiss war, während sie uns ein Märchen erzählt hat“, so Julia Krusch. 

Geschichten verbinden

Unser ganzes Leben besteht aus Geschichten und jeder schreibt seine eigene Lebensgeschichte – mit Höhen, Tiefen, Schmerz, Abschied, aber auch Liebe und Glücksmomenten. „Das verbindet uns Menschen miteinander und wenn wir uns mehr Zeit nehmen würden, den Geschichten unserer Mitmenschen aufrichtig zu lauschen, könnte es auf dieser Welt friedlicher sein“, ist die Allgäuer Erzählerin sich sicher. 

Weil Geschichten unserer Seele also so gut tun, haben wir heute eine für dich vorbereitet. Danke an Julia Krusch, die sie aus ihrem Archiv hervorgezaubert hat! 

Eine Adventsgeschichte 

Die Glocke aus Erz (Russisches Märchen)

Vor vielen Jahren, war's gestern oder war's heut, da stieß ein armer Bauer beim Arbeiten auf dem Feld auf einen eisernen Ring, der aus der Erde ragte. Er wunderte sich, holte ein Seil, zog es durch den Ring und spannte seinen Ochsen davor. Der Ochse schnaubte und zog- und zog heraus eine riesengroße Glocke aus Erz. Grad so einfach, als ob es eine Rübe gewesen wäre.

Niemand wusste, wie die Glocke in den Acker gekommen war. Es muss ein Wunder gewesen sein, meinten die Leute aus dem Dorf. Und der Bauer meinte es auch. Also haben alle Leute aus der Gegend einen großen Turm aus Holz gebaut und die Zeit langte gerade so bis zum Heiligen Abend -  da konnten sie ihre Glocke oben am Turm befestigen.

So hat sie zum ersten Mal an Weihnachten geläutet. Und sie klang weit, über die nächsten Dörfer hinweg, so dass viele ihrem Klang lauschen konnten. Allen Menschen, die sie hörten, ist es ganz merkwürdig geworden. Der traurig war, den überkam Mut; der Kummer hatte, konnte ihn vergessen; der einsam war, hat Besuch bekommen; die Kranken vergaßen ihre Schmerzen und die Armen fanden plötzlich noch etwas zu essen.

Von da an läutete die Glocke an jedem Feiertag und immer haben die Menschen bei ihrem wundersamen Klang Hoffnung geschöpft. Die Kunde von der wunderbaren Glocke gelangte schließlich bis zum Zar in Moskau. „Was wollen diese einfachen Leute mit einer solchen Glocke? Sie kommt auf mein Schloss!“, befahl er und brach mit seinen Soldaten zu dem Dorf auf. 

Alles Bitten der Bauern half nichts, vom Turm herunter holte man sie mit einem Seil. Wie sie aber aufgeladen war, rührte sich der Wagen nicht mehr von der Stelle. Alle Ochsen und Rösser ließ er anspannen, der Zar; sogar die Soldaten ließ er ziehen–es nutzte alles nichts. „Wenn ich die Glocke nicht haben kann, soll sie niemand haben“, zürnte der Zar. Aus lauter Wut ließ er einen großen, eisernen Hammer bringen und ein Schmied musste die Glocke zerschlagen. In viele tausend Stücke zersprang sie, die Glocke aus Erz–dann fuhren sie zufrieden davon, der Zar und sein Gefolge, und ließen die traurigen Dorfbewohner zurück.

Früh am nächsten Morgen stand der Bauer auf und wollte zuerst zum Glockenscherbenhaufen gehen um die Scherben vor dem ersten Schnee aufzusammeln. Doch was fand er vor? Statt der Scherben lagen da viele tausend wunderschöne, kleine, glänzende Glöckchen-- ein jede so rund und vollkommen wie die andere. Die Nachbarn halfen ihm, sie aufzulesen und so wurden sie an die Leute im Dorf und den Nachbardörfern verteilt. Sie hängten die kleinen Glocken an das Geschirr ihrer Pferde oder an ihre Schlitten. Und immer, wenn sie hinausfuhren, klingelten sie über das weite, verschneite Land. 

Und siehe- für dich ist auch ein Glöckchen dabei gewesen!