Gegen die Hitze:
Fernkälte für Privathaushalte

Im Sommer wird es in unseren Städten besonders heiß, weil Beton und versiegelte Flächen die Wärme abstrahlen. Deshalb sind nachhaltige Konzepte wie Fernwärme für die Kühlung gefragt. Eignet sich die umweltschonende Alternative auch für Privathaushalte?

Angenehmes Klima: Fernkälte ermöglicht wohltemperierte Räume auch im Hochsommer.

Angenehmes Klima: Fernkälte ermöglicht wohltemperierte Räume auch im Hochsommer.

Das Thermometer zeigt mehr als 30 Grad Celsius, die Luft steht und die Wohnung fühlt sich an wie eine Sauna. Wäre es da nicht toll, wenn die Heizkörper die Räume nicht nur heizen sondern auch kühlen könnten? Einfach aufdrehen und sofort verbessert sich das Raumklima – ohne das Gebrumme oder die Zugluft von Ventilatoren oder Klimaanlagen? Und das Ganze auch noch ohne hohen Strom- und CO2-Verbrauch? Das wär’s doch!

Genau diese Lösung verspricht Fernkälte, die technisch analog zur Fernwärme funktioniert. Vielleicht hast du schon mal etwas von Fernkälte gehört und überlegst, ob das für dich eine Möglichkeit sein könnte? Die wichtigsten Fakten zur Fernkälte erfährst du hier:

So funktioniert Fernkälte

Wie bei der Fernwärme wird ein Vor- und Rücklaufkreislauf zwischen einem zentralen Klimazentrum und einem Gebäude hergestellt. Durch ein unterirdisches isoliertes Rohrleitungssystem wird bei der Fernkälte Wasser mit einer Temperatur von etwa sechs Grad ins Haus geführt. Wenn sich das Wasser auf circa 16 Grad erwärmt hat, wird es zur Kälteanlage zurücktransportiert, um es wieder abzukühlen. Das geschieht in sogenannten Absorptionskältemaschinen. Hierfür wird Abwärme aus Industrie, Kraftwärmekopplungs- oder Abfallverbrennungsanlagen genutzt.

Von Free Cooling spricht man, wenn als Energiequellen kaltes Wasser aus Flüssen und kalte Luft verwendet wird. Free Cooling wird in Skandinavien bereits mit Meerwasser praktiziert. In Österreich wäre eine Verwendung des Donauwassers möglich. Nach Angaben von Wien Energie könnten so etwa 20 bis 25 Prozent des jährlichen Kühlbedarfs in den Wintermonaten durch Rückkühlung mit Donauwasser gedeckt werden.

Kühlung ohne das Klima zu belasten

Sorgen für Kälte: Die Kühlwasserpumpen im Rückkühlwerk treiben den Kühlwasserkreislauf an.
© Wien Energie/Ian Ehm

Sorgen für Kälte: Die Kühlwasserpumpen im Rückkühlwerk treiben den Kühlwasserkreislauf an.

Die steigenden Temperaturen und die länger anhaltenden Hitzeperioden in den Metropolen sind besonders schweißtreibend für Bewohner von Immobilien in Südlage oder Dachwohnungen. Spätestens nach sieben Tagen konstanter Hitze erschöpfen sich die bewährten Maßnahmen wie Lüften in den frühen Morgenstunden, Sonnenschutz an den Fenstern, feuchte Tücher und ähnliches. Viele Menschen behelfen sich deshalb mit Ventilatoren oder mobilen Splitklimageräten als Alternative zur Klimaanlage, während ebendiese insbesondere im Arbeitsbereich heutzutage nicht mehr wegzudenken sind.

Umweltschonend sind diese Lösungen jedoch nicht. In Städten nähert sich der Stromverbrauch im Sommer gerade durch den zunehmenden Einsatz von Klimaanlagen bereits dem Energieverbrauch des Winters an. Das macht die umwelt- und betriebskostenfreundliche Alternative Fernkälte attraktiv. Denn der Betrieb konventioneller Anlagen, sogenannter Kompressionsmaschinen, wird mit klimaschädlichen Kältemitteln wie zum Beispiel fluorierten Kohlenwasserstoffen erzeugt.

Bei Fernkälte hingegen kommt die Energie für die Kältezentrale aus der Abwärme, weshalb im Vergleich zu herkömmlichen Klimaanlagen rund 50 Prozent CO2 eingespart wird. Auch beim Energieverbrauch ist die Fernkälte der dezentralen Technik oft überlegen, da sich die großen Anlagen effizienter betreiben lassen, als eine Versorgung mit einzelnen Klimaanlagen in Gebäuden.

Nutzung von Fernkälte in Österreich steigt

Zunehmend nachgefragt: Die Abgabe von Fernkälte in Österreich zwischen 2009 und 2017
© FGW, ZAMG

Zunehmend nachgefragt: Die Abgabe von Fernkälte in Österreich zwischen 2009 und 2017

Der Pariser Louvre, die Berliner Philharmonie und das Allgemeine Krankenhaus Wien werden bereits mit Fernkälte versorgt. Die Nachfrage nach dem umweltschonenden Klimakonzept steigt. Hatten die Fernkältezentralen in Österreich im Jahr 2009 eine installierte Kälteleistung von 22 Gigawattstunden, waren es im Jahr 2017 bereits 148 Gigawattstunden.

Fernkälte ist eine Zukunftstechnologie, die bisher hauptsächlich bei Bürokomplexen, Hotels, Krankenhäusern und öffentlichen Gebäuden zum Einsatz kommt, und vom Gesetzgeber gefördert wird. Da nie nur einzelne Haushalte an Fernkälte angeschlossen werden, können jedoch keine einzelnen Haushalte Förderung beziehen, sondern nur ein Investor – also zum Beispiel Wien Energie oder der Bauträger beziehungsweise Immobilienbesitzer im Zuge eines Neubaus oder der Sanierung eines Gebäudes.

Warum das so ist, erklärt Jürgen Hering, Experte für Fernkälte bei den SWM Stadtwerke München: „Die Verlegung der Rohrleitung ist sehr aufwendig. Entgegen der häufigen Vermutung der Verbraucher, kann nicht ein und dasselbe Rohrsystem für Fernwärme und Fernkälte verwendet werden. Denn einerseits wird das Fernwärmesystem auch im Sommer zur Warmwasserbereitung benötigt, andererseits sind die Rohrleitungen für Fernkälte  wesentlich größer.“ Zudem eigne sich Fernkälte nur im innerstädtischen, sehr hoch verdichtetem Bereich. Deshalb ist Fernkälte für Eigentümer von Einfamilienhäusern meist keine Option.

Aber auch in  Mehrfamilienhäusern ist Fernkälte noch eine Seltenheit. „Noch sind der Aufwand und die Kosten im Wohnungsbau für viele Eigentümer beziehungsweise Bauträger zu hoch“, ist Jürgen Hering überzeugt. „Und bei den eh schon hohen Mieten in den Metropolen sind auch die Mieter nicht bereit, dafür eine weitere Mieterhöhung zu akzeptieren.“ Wenn es Anfragen für Fernkälte für Wohngebäude gibt, dann kommen diese meist von Eigentümern von Luxuswohnungen im Stadtzentrum.

Vorreiter Wien

Vorreiter Wien: So ist das Fernkältenetz von Wien Energie aufgebaut.
© Wien Energie

Vorreiter Wien: So ist das Fernkältenetz von Wien Energie aufgebaut.

Auch wenn Fernkälte bisher noch keine Technologie für die Massen ist, sieht Jürgen Hering dennoch großes Potenzial für die Zukunft: „Im Zuge des Klimawandels wird das Thema an Bedeutung gewinnen. Ich sehe es nur als eine Frage der Zeit, bis sich Fernkälte durchsetzt, auch in der Wohnungswirtschaft. Niemand will den Lärm und die heiße Abluft von Splitgeräten haben, die wir irgendwann auf jedem dritten Balkon sehen werden. Darauf hat keiner Lust.“

Abgesehen von der besseren Umweltbilanz sieht Hering noch weitere Vorteile der Fernkälte. „Raum ist in Metropolen Gold wert. Wenn ein Eigentümer keine Kälteanlagen im Keller und Rückkühler auf dem Dach braucht, spart er Platz und kann den Keller vermieten oder auf dem Dach eine hochpreisige Penthousewohnung oder einen Spa-Bereich mit Bar einrichten. Das ist zum Beispiel für Hotels interessant.“

Auch Städteplaner wünschen sich zentrale Kältesysteme, denn die Rückkühlanlagen auf den Dächern sehen nicht nur unschön aus, sie wiedersprechen auch oftmals dem Denkmalschutz. Daher ist die Nachfrage nach Fernkälte in der Wiener Innenstadt besonders groß. Neben begrünten Fassaden und mobilen Bäumen will die Stadt Wien auch mit Fernkälte die Bruthitze im Sommer bekämpfen. So versorgt die Stadt seit Juli 2019 erstmals 80 Wohnungen in einem Wohngebäude im 9. Bezirk mit Kälte aus der Spittelau.

Wien Energie plant zudem ab dem Frühjahr 2021 im ersten Bezirk eine flächendeckende Kälteversorgung. Dazu wird ab Herbst 2019 eine neue, zusätzliche Fernkältezentrale am Stubenring im Bereich der Alten Post errichtet. Und wie immer wird am Ende auch der Verbraucher mitentscheiden, wie schnell sich Fernkälte durchsetzt.

Mehr Infos zum Thema:

FGW Fachverband Gas Wärme Österreich: www.gaswaerme.at
Wien Energie: www.wienenergie.at
Stadtwerke München: www.swm.de