„Manchmal träume ich vom Skispringen“

Ein böser Sturz hat den Sportler Lukas Müller in den Rollstuhl katapultiert. Knapp fünf Jahre später hat er sich ein neues Leben erkämpft – und sorgt dafür, dass Menschen, die ihm begegnen, ihn mit einem Lächeln wieder verlassen.

 „Ich könnte auch im Grab liegen.“

„Ich könnte auch im Grab liegen.“

Der Aufprall war so heftig, dass er seine Zukunft blitzschnell vor sich sah. Mit 120 Stundenkilometern knallte Lukas Müller den Aufsprung – zuerst mit dem Steißbein, danach mit dem Kopf. „Ich wusste sofort, dass es Richtung Querschnittslähmung geht.“

Das Unglück geschah am 13. Jänner 2016. Lukas war 23 Jahre alt, als er bei der Skiflug-Weltmeisterschaft am Kulm auf der Schanze als Vorspringer antrat. Vorspringer sind wichtig, sie ziehen die Spur und erkunden die Sprungbedingungen für den anschließenden Wettkampf. Während er durch die Luft schoss, rutschte er aus dem linken Schuh. Möglicherweise ein Materialfehler. Lukas verlor die Balance, drehte sich im Flug und schlug an der 150-Meter-Linie auf dem Hang auf. Sein sechster und siebter Halswirbel brachen, das Rückenmark wurde zum Teil durchtrennt. Später nennt er es einen „ziemlich glücklichen Querschnitt“. „Ich habe einen Genickbruch überlebt. Ich könnte auch im Grab liegen.“

Kein Hadern mit dem Schicksal

Trotzdem waren 23 Jahre Leben mit einem Schlag vorbei. Und es begann ein zweites Leben, in dem er sich seither im Rollstuhl bewegt. „Ich habe noch immer etwas, das sich mein Leben nennt, und ich finde das gar nicht einmal so schlecht.“

Heute ist Lukas Müller 28 und hat es auf verblüffende Weise geschafft, das traumatische Erlebnis des Sturzes mit sich zu führen, ohne daran zu zerbrechen. Nicht mal in seinen Träumen scheint er mit dem Schicksal zu hadern. „Manchmal träume ich vom Skispringen.“ Und das sei immer ein schönes Gefühl. „Ich springe dann immer sehr gut“, berichtet Lukas und lacht dazu. „Es ist ein seltsamer und witziger Moment beim Aufwachen.“

Kraftbursche aus dem Kärntnerland

„Lerne zu verlieren und es trotzdem weiter zu versuchen.“
©Roland Haschka

„Lerne zu verlieren und es trotzdem weiter zu versuchen.“

Dieser Kärntner Bursche scheint viel Kraft durch Selbst- und Weltvertrauen mitbekommen zu haben. Er wurde 1992 in Villach geboren und wuchs in Spittal an der Drau auf. Der Vater, heute pensioniert, arbeitete in der Personalverrechnung bei der Gemeinde, die Mutter, fünf Jahre jünger, ist noch als Volksschullehrerin tätig. Vier Geschwister sind sie, Lukas ist das dritte Kind. Die ganze Familie fährt Ski. Lukas stand als Dreijähriger erstmals auf den Brettern. Bis er elf war, fuhr er Rennen und im Sommer auch Wasserski. „Der Sport“, sagt er, „hat den angenehmen Effekt, dass du schnell lernst zu verlieren und es trotzdem weiter zu versuchen.“

Kontrollierter freier Fall

Mit Zwölf entdeckt er das Skispringen. Er merkt, dass der Sprung von der Schanze die archaischen menschlichen Sehnsüchte des Fliegens einlöst, wenn auch nur für kurze Zeit, dafür wiederholbar. Das Fluggefühl beschreibt Lukas als einen „kontrollierten freien Fall“. Der Adrenalin-Schub, die Euphorie – Lukas wird schnell süchtig und kann in kürzester Zeit seine Leistungen steigern. 

Schon ein Jahr später wird er Kärntner Landesmeister und Landescupsieger. 2009 holt er den Titel des Junioren-Weltmeisters, 2010 erzielt er bei der Vierschanzentournee mit dem sechsten Platz seine beste Weltcup-Platzierung.

Skispringer haben eine brutale mentale Stärke

„Jedes Mal, wenn ich den Rollstuhl verlasse, ist das Training.“

„Jedes Mal, wenn ich den Rollstuhl verlasse, ist das Training.“

Nach der Matura und mehreren Jahren als Heeressportler beginnt Lukas mit seiner Ausbildung zum gewerblichen Vermögensberater. Schließlich müssen Spitzensportler Vorsorge treffen für die Zeit nach den athletischen Erfolgen. Und wer sich mit Finanzen auskennt, kommt im Leben gewiss gut zurecht, dachte er sich. Die Ausbildung muss er nach dem Unfall unterbrechen, schließt sie aber 2017 ab. „Diese Arbeit benötigt nicht zwingend Beine“, sagt er mit einem Augenzwinkern.

Nun ist er selbstständig als Vermögensberater tätig und betreut rund 65 Kunden. „Das ist aber lange nicht meine einzige Beschäftigung“, sagt Lukas. „Alle eineinhalb Monate halte ich auf Anfrage von Firmen Vorträge über meine Geschichte. Außerdem bin ich weiter bei meinem Ex-Sponsor tätig, dem Süßwarenhersteller Manner. Dort arbeite ich als Beauftragter für Barrierefreiheit.“

Die Lähmung sei Teil seiner Lebensgeschichte, sagt er. Sie nicht zu akzeptieren, hielte er für Energieverschwendung. „Natürlich hat mir der Sturz meine hundertprozentige  Gesundheit genommen. Wenn ich heute sage, ich bin gesund, kann ich das mit der Gesundheit vorher nicht vergleichen. Aber so, wie die Skispringertür zugegangen ist, sind zehn andere aufgegangen.“ Und so gelassen, wie Lukas so etwas heute sagt, kann er dies nur tun, weil seine Persönlichkeit seit dem Unfall durch Höhen und Tiefen gereift ist. Wenn er sagt, „besonders Skispringer haben eine brutale mentale Stärke“, wird spürbar, welche finsteren Momente er mitunter durchlebt hat.

Auch mal Frust rauslassen

„Selbstmitleid ist erlaubt.”
©Thomas-Kaserer

„Selbstmitleid ist erlaubt.”

Selbstmitleid, sagt er, sei okay. „Kurz darf das sein. Wenn man das nicht zulässt, bricht man irgendwann komplett zusammen. Man muss es rauslassen. Das ist an meinen miesen Tagen auch so.“ An solchen Tagen denkt er dann schon mal: „Hey Alter, ich will nicht mehr. Aber es relativiert sich alles recht schnell wieder.“ Sogar seine Stimme strafft sich, als ob er sich selbst beschwört, wenn er sagt: „Selbstmitleid ist erlaubt, nur ständiges Selbstmitleid bringt niemandem etwas. Das zieht alle runter.“

Vor einem Jahr veröffentlichte er bei Facebook ein Video, auf dem er sich aus dem Rollstuhl erhebt. Eine Hand am Geländer, die andere an einer Krücke, geht er ein paar Schritte. 36 Sekunden Gänsehaut. Trotzdem weiß er: „Zu 98 Prozent werde ich meinen Alltag im Rollstuhl bestreiten“, und fügt hinzu: „Jedes Mal, wenn ich den Rollstuhl verlasse, ist das Training. Denn der körperliche Aufwand dafür ist außerordentlich hoch.“

Wenn die Mobilität eingeschränkt ist, kann ein Mensch sich selbst buchstäblich nicht entfliehen. Manch einer macht deshalb während des Corona-Lockdowns unerwartete Selbsterfahrungen. Im Rollstuhl geht es noch unausweichlicher zu. Ein Rollstuhlfahrer ist verdammt dazu, seinem Leben selbst einen Sinn zu geben. Deshalb hat sich Lukas nicht deprimiert vom Skispringen abgewendet, sondern wohnt weiterhin am Olympiazentrum Salzburg-Rif. Er hält Kontakt zu seinen Sportler-Freunden, fährt im Winter Monoski, spielt Rollstuhl-Rugby und denkt über eine Teilnahme an den Paralympics nach. Einstweilen hat er sich zum Skisprungtrainer ausbilden lassen. Zunächst einmal, um zu beweisen, dass dies auch im Rollstuhl möglich ist. Ob er daraus einen Beruf macht, wer weiß?

Kampf vor Gericht

Drei Jahre lang musste er gegen den Österreichischen Skiverband prozessieren, damit sein Sturz als Arbeitsunfall anerkannt wurde. Auch dieser Rechtsstreit gehörte zu seiner Sinnstiftung. „Ich habe das nicht nur für mich durchgefochten, sondern auch für alle anderen (Vor-)Springer in Österreich.“ Sein Unfall wurde zunächst nämlich als Freizeitunfall eingestuft, weil die Vorspringer nicht über den Veranstalter sozialversichert waren. Lukas Müller entfachte eine öffentliche Diskussion. Inzwischen hat sich die Situation geändert und alle Vorspringer müssen bei der Sozialversicherung angemeldet werden.

Diese juristischen Erfahrungen motivierten ihn, noch ein Studium des Sportrechts zu beginnen. Dies verbreitert nicht nur seine künftigen beruflichen Möglichkeiten – er wird damit auch anderen Menschen helfen können. Diesen Antrieb verspürt er, seit er damals im Grazer Klinikum lag und zum ersten Mal beobachtete, wie seine Besucher sein Zimmer mit einem Lächeln verließen. Er merkte, wie sehr es ihn selbst beflügelt, wenn andere Menschen durch seinen Umgang mit dem Schicksal Kraft schöpfen können. Damals gelobte er sich im Stillen: „Egal, mit wem ich rede, wenn diese Person den Raum verlässt, soll sie mit einem Lächeln gehen.“