Jung und alt unter einem Dach:
WGE! bringt ungewöhnliche WGs zusammen

Ohne Altersbegrenzung: Das junge Unternehmen „WGE! – Gemeinsam wohnen“ aus Wien schafft Wohnräume, in denen sich Jung und Alt begegnen.

Wolf im Austausch mit Residenten
© WGE! – Gemeinsam wohnen

Wolf im Austausch mit Residenten

Aurora hat es gerade eilig. Schnellen Schrittes hastet die 22-Jährige durch das Foyer der Seniorenresidenz Josefstadt in Wien. Als sie einen älteren Herrn dort sitzen sieht, bremst sie ab und lächelt. „Come stai? Wie geht‘s?“, grüßt die Frau mit dem blonden Pagenkopf freundlich und zaubert damit dem Residenten sofort ein Strahlen aufs Gesicht: „Bene, grazie!", antwortet er, und jeder kann sehen, dass er sich schon freut auf das Gespräch, das Aurora heute Abend mit ihm auf Italienisch führen wird. Jetzt aber muss sie zur Uni. Drei Vorlesungen später wird die Studentin zurückkommen in die Seniorenresidenz. Nicht etwa auf Besuch oder zum Arbeiten; die junge Frau wohnt hier. Vor zwei Monaten sind sie und ihr Freund Wolf in eines der 54 Apartments der Residenz gezogen, in denen außer ihnen nur Seniorinnen und Senioren leben.

Aurora und Wolf gehören zu den insgesamt 30 jungen Leuten, die derzeit mit Hilfe des Unternehmens „WGE! – Gemeinsam wohnen“ in sieben Seniorenwohnhäusern ein Zimmer oder eine kleine Wohnung in Wien gefunden haben. „Wir haben seit der Gründung der ersten WG 2016 schon etwa 300 Menschen zusammengebracht“, erklärt Katja Klofac stolz. Sie und fünf Teammitglieder setzen sich dafür ein, dass generationsübergreifende Wohnprojekte zustande kommen. „Wir vermitteln auch günstige Wohnmöglichkeiten in privaten Wohnungen“, sagt Klofac. „Oft genug stehen Zimmer bei älteren Menschen leer, zum Beispiel, wenn ihre Kinder bereits erwachsen sind und nicht mehr zu Hause wohnen. Gleichzeitig ist der Wohnraum in Wien knapp und teuer.“

Dabei geht es nicht nur darum, eine Lösung für den Wohnungsmangel in Wien zu finden. Die generationsübergreifenden WGs sollen dazu beitragen, etwas gegen die Vereinsamung im Alter zu tun. Genau deshalb möchte WGE! Menschen jeglichen Alters zusammenbringen.

Beide Seiten profitieren

„Der Deal ist ziemlich einfach“, sagt Klofac und erklärt: „Die Studierenden müssen für ihren Wohnraum in Seniorenwohnhäusern nur einen geringen Kostenanteil bezahlen. Im Gegenzug verbringen sie circa fünf Stunden pro Woche mit den älteren Mitbewohnern, gehen beispielsweise mit ihnen einkaufen, spielen gemeinsam Schach oder geben ein kleines Klavierkonzert.“

Die Formen der Hilfe und Unterhaltungen sind vielfältig. Aurora, die vor zwei Jahren aus ihrer Heimatstadt Venedig zum Architekturstudium nach Wien kam, liebt es sich mit manchen Senioren in ihrer Muttersprache Italienisch zu unterhalten. Ein anderes Beispiel ist ein Student, der den Bewohnerinnen in einem der Kuratorium Wiener Pensionisten-Wohnhäuser (KWP) schöner macht. „Der kann einfach wunderbar Nägel lackieren“, lacht Klofac, „und so kann sich jeder einbringen“.

Gemeinsam Zeit verbringen

Gemeinsame Aktivitäten: Aurora und Erna Studenik-Horak bei einer Lesung in der Residenz Josefstadt
© WGE! – Gemeinsam wohnen

Gemeinsame Aktivitäten: Aurora und Erna Studenik-Horak bei einer Lesung in der Residenz Josefstadt

Erna Studenik-Horak ist 90 Jahre alt und im Sommer in die Residenz Josefstadt gezogen. „Ich finde die Idee, dass hier junge Menschen mit uns wohnen, toll. Aurora und ich teilen die Leidenschaft für Architektur und haben uns schon richtig gut unterhalten“, sagt die Dame, die mehr als 40 Jahre als Sekretärin gearbeitet hat. „Wolf unterstützt mich mit meinem Handy, das ist sehr hilfreich“, erzählt Erna Studenik-Horak.

Wolf studiert im dritten Semester Informatik und ist immer montags von halb elf bis halb zwölf Uhr Ansprechpartner der Residenten für technische Probleme. „Dass ich die Computersprechstunde anbiete, ist mit der Hausdame abgesprochen. Außerdem unterstützen wir beim Kaffeekränzchen oder bei Veranstaltungen, es gibt da einen richtigen wöchentlichen Aktivitätsplan, der mit der Direktion abgestimmt wird. Wir können dabei aber sehr flexibel sein und mitbestimmen“, erläutert Wolf und schiebt seine Brille weiter nach hinten auf die Nase. „Eigentlich machen wir aber viel mehr als die fünf vorgeschriebenen Stunden mit den Bewohnern hier. Es macht uns nämlich einfach viel Spaß, mit den Älteren zusammen zu sein“, betont Wolf.

Ein bisschen wie eine große Familie

Genießen den Austausch mit ihren Wohnnachbarn: Aurora und Wolf
© WGE! – Gemeinsam wohnen

Genießen den Austausch mit ihren Wohnnachbarn: Aurora und Wolf

Wolf und Aurora sind seit zwei Jahren verlobt und haben recht genaue Zukunftspläne: „Wir wollen später irgendwann mit meiner Mutter, meinem Onkel und meinen Großeltern in einem Haus leben. Das hier ist der Test, mit dem wir ausprobieren, ob solch eine Art des Zusammenwohnens funktionieren kann“, erklärt der junge Mann und fügt schmunzelt hinzu: „Bis jetzt sieht es ganz so aus.“

Als sie Freunden von den Umzugsplänen aus der bisherigen gemeinsamen Wohnung in die Seniorenresidenz im achten Bezirk erzählten, waren einige verblüfft. „Unser Projekt mag für manche langweilig sein“, findet Aurora. „Aber wir waren noch nie große Partygänger und haben sonst auch keine laute Musik bis um zwei Uhr nachts gehört. Das geht hier nämlich nicht“, sagt sie. „Was mir wichtig ist, ist eine große Familie zu haben. Meine Großeltern sind weit weg und ich vermisse sie sehr. Hier zu wohnen, hilft mir gegen das Heimweh“, sagt Aurora.

Die Nachfrage von jungen Menschen nach Zimmern bei Senioren wächst. „Es spricht sich herum, dass unsere Idee gut funktioniert“, freut sich Katja Klofac, die immer wieder sieht, wie aus dem gemeinsamen Wohnen Synergien entstehen. „Beide Seiten profitieren. Und ich glaube, dass man offener, toleranter wird. Es wirkt nachhaltig, wenn man es wagt, sich auf Menschen einzulassen, die anders sind als man selbst“, ist sich Klofac sicher. Für sie ist WGE! eine Herzensangelegenheit: „Oft höre ich, dass die Lebensrealitäten von Jung und Alt nicht zusammenpassen. Das stimmt nicht und mich hat diese Trennung sehr gestört. Deshalb will ich etwas ändern.“, sagt sie.

Erfahrungen, die durchs Leben tragen

Katja Klofac ist Expertin für Kooperationen mit Seniorenwohnhäusenr. Das passt, denn WGE! wird ständig ausgebaut. Klofac versucht, neue Seniorenhäuser dazuzugewinnen und entwickelt mit an Möglichkeiten, um passende WG-Partner leichter zusammenzubringen. „Auf unserer Homepage ist hinter einem Fragebogen ein Algorithmus hinterlegt, der uns Tendenzen oder Präferenzen zeigt. Wir telefonieren dann mit den Menschen, treffen uns und begleiten meist auch das Kennenlernen von Wohnraumanbietern und Wohnungssuchenden“, beschreibt Klofac einen Teil des Angebots von WGE!. Sollte es nötig sein, hilft das junge Unternehmen auch bei Streitigkeiten. „Aber bisher gab es bis auf ein Studentenpaar, das sich aber schnell wieder vertragen hat, keinerlei Probleme, sondern eigentlich nur positive Reaktionen und Erfahrung“, freut sich Klofac.

Dass Aurora und Wolf hier in der Seniorenresidenz viel lernen, vielleicht sogar mehr als an der Universität, steht für die beiden außer Frage. Jedenfalls in Bezug auf das, was ein Leben für sie wertvoll macht: „Hier zu wohnen und mit den älteren Menschen zusammen zu sein, ist wie das Reisen in ein fernes Land. Wer sich öffnet und entdecken will, der findet ganz viel“, sagt Aurora und Wolf ergänzt: „Was wir hier jeden Tag gewinnen, ist Wärme und Mitmenschlichkeit. Und dann sieht man oft ganz leicht: Die Bewohner sehen hier vielleicht äußerlich betagt aus. Innen aber sind sie ziemlich jung geblieben.“