Influcancer:
Martina Hagspiel bricht mit dem Tabuthema Krebs

Fast jeder dritte Österreicher ist direkt oder indirekt vom Krebs betroffen. Trotzdem redet kaum einer darüber. Martina Hagspiel will das ändern. Ihre Erfahrungsplattform Kurvenkratzer-Influcancer schafft Austausch und Mut.

Plötzlich krank: „Mit der Krebsdiagnose war ich sofort berufsunfähig“, berichtet Martina Hagspiel.
© Caro Strasnik

Plötzlich krank: „Mit der Krebsdiagnose war ich sofort berufsunfähig“, berichtet Martina Hagspiel.

Es könnte nicht besser laufen: Martina Hagspiel ist frisch verliebt und erfolgreich im Job. Mit 32 Jahren leitet die ehrgeizige Versicherungsmaklerin bereits seit sechs Jahren ein eigenes Büro in Innsbruck, die Arbeit reißt nicht ab. Doch für die Powerfrau ist das kein Problem, immer schneller, immer höher, immer weiter – Martina kennt keine Grenzen. Bis zu jenem Tag im September 2010: Bereits Anfang des Jahres hatte sie sich wegen eines Knotens in der Brust untersuchen lassen. Damals gab die Ärztin Entwarnung. Neun Monate später erhält Martina schließlich doch die Diagnose: Brustkrebs.

Von einem Moment auf den anderen verändert die Diagnose Martinas Leben: „Ich bin in einer Mittagspause zum Arzt gegangen und war erst eineinhalb Jahre später wieder an meinem Arbeitsplatz – das war schon heftig“, erinnert sie sich. An Arbeit ist von dem Augenblick der Diagnose an kaum mehr zu denken. Lauter Entscheidungen sind zu treffen. Mit wem muss sie noch sprechen, welche Untersuchung machen? Lässt sie sich operieren, eine Chemotherapie durchführen? Auf die junge Frau mit den blonden Haaren stürzen binnen weniger Stunden zig Informationen ein. Aufnahmefähig ist sie dabei nicht wirklich. „Im ersten Moment kommt im Wesentlichen nur die Information an: Du hast Krebs. Mehr nicht. Als würden all diese Informationen zehn Zentimeter vor deinem Gesicht stoppen und dich nur häppchenweise erreichen“, schildert Martina die ersten Tage nach der Diagnose.

Schlagartig berufsunfähig: Krebs als finanzielles Risiko

Vier Tage nach der Diagnose folgt die OP, anschließend Chemotherapie und Bestrahlung. „Mit der Diagnose war ich sofort berufsunfähig“, berichtet Martina. Um Geld muss sie sich dennoch keine Sorgen machen. Als Frau vom Fach hat sie vorgesorgt: Ihre Berufsunfähigkeitsversicherung und die Betriebsunterbrechungsversicherung federn die Verdienstausfälle während der Therapie ab und auch der anschließende langsame Wiedereinstieg wird finanziell unterstützt. Zudem ist die selbstständige Versicherungsmaklerin keine Einzelkämpferin, die Kollegen übernehmen ihre Bestandskunden während ihrer Abwesenheit. „Ich war massiv erleichtert, dass ich in dieser Zeit nicht auch noch einen finanziellen Druck hatte“, sagt sie. Doch nicht alle sorgen vor wie Martina. „In Österreich werden Vorsorgen wie die Berufsunfähigkeitsversicherung oder die Krebsvorsorge nach wie vor sehr stiefmütterlich behandelt“, bedauert die gelernte Versicherungsmaklerin.

Auch wenn die eigentliche Behandlung nach einem halben Jahr abgeschlossen war, ist Martina da noch lange nicht genesen. „Gestern krank, heute gesund – das funktioniert überhaupt nicht“, berichtet sie. Martina fehlt nach der monatelangen Chemotherapie anfangs die Konzentration. Und auch die Belastbarkeit – körperlich wie psychisch – muss sie erst mühsam wieder trainieren. „Aus dem Krankheitsleben wieder ins Berufsleben zurück zu finden, ist fordernd. Gleichzeitig erwarten alle, dass es dir sofort wieder gut geht.“ Das führt zu Frust auf beiden Seiten. Nach sechs Monaten Therapie ist Martinas Körper ausgelaugt, emotional fällt sie wenige Wochen nach der letzten Bestrahlung in ein Loch.

Kurvenkratzer: Krebs hat viele Gesichter

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Webportal für Krebserkrankte und ihre Angehörigen: Mit Kurvenkratzer – Influcancer hat Martina Hagspiel eine Plattform geschaffen, die ihr nach der Diagnose fehlte.

Mühsam kämpft sich Martina zurück in ihr altes Leben, steigt mit wenigen Stunden pro Woche wieder ins Berufsleben ein. Doch die Arbeit erfüllt sie nicht mehr so wie zuvor. Ende 2013 steigt sie erneut aus ihrem Job aus. „Ich habe einfach gemerkt, dass es Zeit für etwas Neues war“, erklärt sie. Schnell hat die dynamische Frau ein neues Projekt: ein Ratgeberbuch für Krebspatienten und Angehörige. Denn nach ihrer Diagnose erlebt sie selbst, wie wenig Anleitung Betroffene und Angehörige in dieser Zeit erfahren und sie merkt: Jeder geht mit seiner Erkrankung anders um. Doch im Internet fehlt es an nötigen Informationen und Austausch dazu. Und das, obwohl bei 340.000 Krebserkrankten und zirka 40.000 Neuerkrankungen im Jahr mindestens jeder Dritte in Österreich vom Thema Krebs direkt oder als Angehöriger indirekt betroffen ist. „Ich wusste erst, dass ich es mit einem Tabu zu tun habe, als ich anfing, ganz offen über meinen Krebs zu sprechen“, berichtet Martina. Denn erst als sie ihr Schweigen bricht, öffnet sich auch ihr Umfeld. „Bis dahin dachte ich, dass ich überhaupt niemanden kenne, der mit einer Krebs-Diagnose konfrontiert war – das Gegenteil war der Fall.“

Neue Kampagne: Mit Kurvenkratzer – Influcancer machen Martina Hagspiel und ihr Verein Erkrankten und Angehörigen Mut.
© Kurvenkratzer – Influcancer

Neue Kampagne: Mit Kurvenkratzer – Influcancer machen Martina Hagspiel und ihr Verein Erkrankten und Angehörigen Mut.

„Kurvenkratzer“ soll das Buch heißen und 25 Geschichten über Menschen enthalten, die ihren eigenen Umgang mit ihrer Krebserkrankung schildern. Sie will zeigen: Krebs hat viele Gesichter. 75.000 Euro benötigt Martina dafür. Das Geld sammelt sie über eine Crowdfunding-Plattform. Am Ende fehlen 22.000 Euro. Auch wenn das eigentliche Projekt scheitert: Die Resonanz ist so positiv, dass sie dranbleibt. Gemeinsam mit Mitstreitern entwickelt sie Kurvenkratzer weiter zu einem Social Network für Krebspatienten und deren Angehörige und verpasst ihrer Plattform einen Namenszusatz: Kurvenkratzer-Influcancer. Dort sammeln Martina und ihr Team Geschichten von Patienten und Angehörigen. Sie veröffentlichen Mut machende Videos und verschaffen auch denjenigen eine Sichtbarkeit, die häufig vergessen werden: den Angehörigen. „Der Mann, der statt seiner Frau plötzlich eine Patientin daheim hat. Das Kind, das sich von seiner Mutter verabschieden muss: Sie sind alle genauso betroffen vom Krebs wie die Patienten selbst“, betont Martina. Mit Aktionen wie der aktuellen Kampagne „Talk about Cancer – Wir sprechen über Krebs“ macht Martina auf das Kernanliegen der Plattform aufmerksam: „Egal, wie du über Krebs sprichst – Hauptsache, du tust es“, erklärt sie.

Lebensglück: Gesundheit steht an erster Stelle

Heute ist Martina gesund. Seit vier Jahren lebt sie in Wien, wo sie drei Tage die Woche als Marketingverantwortliche für den Österreichischen Gewerbeverein arbeitet. Doch der Krebs hat Spuren hinterlassen. „Wenn ich nicht ganz stark auf meinen Körper und meine Energie achte, dann sucht sich mein Körper zwei Wege: Entweder ich liege in einem Erschöpfungszustand nieder, der einfach überdimensional ist, oder ich habe einen Rheuma-Schub“, berichtet sie. Und wie ihr ergeht es auch anderen. „Krebs ist ein Lebensumstand, an den man sich gewöhnen muss“, betont Martina. „Auch dafür wollen wir auf unserer Plattform sensibilisieren.“ Dennoch oder gerade deshalb geht es Martina heute gut: „Ich bin wirklich über die Krebserkrankung glücklich geworden“, sagt sie und erklärt: „Vor der Diagnose habe ich gar nicht beantworten können, was mich glücklich macht. Inzwischen weiß ich: Wenn du gesund bist, ist das die halbe Miete. Und viel mehr braucht es nicht: deine Lieben um dich herum und genug, um wirtschaftlich überleben zu können. Alles andere ist Kosmetik. Und das zu lernen, war für mich sehr wichtig.“

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Neben ihrer Arbeit und ihrem ehrenamtlichen Engagement ist Martina Hagspiel auch als Speakerin aktiv. Auf der TEDxTUWien sprach sie über Influcancer und Glück.