Fußballprofi Andreas Schicker:
467 Tage zwischen Unfall und Comeback

Nach einem schweren Böller-Unfall schaffte Schicker den Weg zurück aufs Spielfeld. Er kickt als weltweit erster Linksverteidiger mit Armprothese in der zweiten Liga.

© Marcel Köhler

Als er im Landeskrankenhaus Graz wieder aufwachte, waren seine Hände bandagiert. Zehn Stunden lang hatten ihn die Ärzte operiert. Die rechte Hand konnten sie retten, die linke musste amputiert werden. Andreas Schicker blickte nur auf Verbände. Dass die linke Hand fehlt, merkte er zunächst nicht. Noch heute sagt er: „Das Phantomgefühl ist da. Ich spüre links jeden Finger.“ 

Das Unglück, dass das Leben des österreichischen Profifußballers Andreas Schicker von Grund auf veränderte, geschah am 23. November 2014. Schicker war 28 und feierte in dieser Nacht mit Freunden in seiner Heimatstadt Bruck an der Mur. Er bekam einen Böller zugesteckt und merkte nicht, dass die Zündschnur zu kurz war. Das Ding explodierte noch in seiner Hand. „Ich weiß noch, wie ich über die Straße gegangen bin und bei der Polizei läuten wollte.“ In schockartiger Trance lief er umher. „Als ich meine Hände gesehen habe, habe ich erst realisiert, dass etwas Schlimmeres passiert ist.“

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Im Spital saß die Krankenhauspsychologin an seinem Bett. „Die wollte mir einreden, dass es mir schlecht geht,“ erzählt Schicker. „Das war einfach nicht mein Ansatz.“ Er hatte Glück im Unglück. Seine Eltern besuchten ihn und munterten ihn auf. Er solle froh sein, dass nichts Schlimmeres passiert sei. Seine Freundin Vroni hält bis heute zu ihm. Die beiden leben zusammen in Wien. Sowas gab ihm Kraft: „Die Warum-Frage habe ich beiseite geschoben.“ Schon nach zwei Tagen grübelte er nicht mehr, sondern überlegte pragmatisch: „Wie schaffe ich das? Wie funktioniert eine Prothese? Wie bewältige ich den Alltag?“

Heute spielt Schicker als weltweit erster Profikicker mit einer Armprothese als Linksverteidiger beim SC Wiener Neustadt in der zweithöchsten österreichischen Liga und trainiert die Mannschaft zugleich als Co-Trainer. Bereits vor dem Unfall hatte er eine steile Karriere absolviert: Ausgebildet in der Stronach-Talentschmiede in Hollabrunn, Jugendnationalspieler, an die dreihundert Spiele in den beiden Oberligen. Aber erst mit seinem Comeback zog er internationales Interesse auf sich. Bei seinem ersten Spieleinsatz im Frühjahr 2016 saßen Sportreporter aus Italien auf der Tribüne, das deutsche Fachblatt „Kicker“ brachte ein doppelseitiges Porträt.

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Die 467 Tage zwischen Unfall und Comeback waren eine harte Schule der „Geduld mit mir selbst“. Noch im Krankenhaus studierte er Videos von Prothesen. In der Reha musste er die rechte Hand trainieren. Sie war mehrfach gebrochen, an Daumen und Zeigefinger fehlen die Spitzen. Mit dem Physiotherapeuten spielte er Fußball, übte Pässe und Schüsse aufs Tor. Und war erleichtert: „Das Gefühl war noch da.“ Der Ehrgeiz war sowieso nie verschwunden. Im Frühjahr 2015 rief ein Weggefährte aus Zeiten der Stronach-Akademie an: Günter Kreissl, inzwischen Manager, Trainer und Sportdirektor beim SC Wiener Neustadt, fragte ihn, ob er sein Co-Trainer sein wolle. Schicker sagte Ja, aber „ich wollte noch eine Chance als Spieler.“

Die ersten sechs Monate waren Lehrzeit bei Kreissl. Im Trainerjob sieht er ohnehin seine Zukunft. Der heute 30-Jährige weiß, dass einem Fußballspieler ab Mitte 30 der Ruhestand bevorsteht. Eines Tages verletzte sich der Linksverteidiger im Team und Schicker konnte einspringen. „Aber wenn sich ein Jüngerer anbietet, spielt natürlich der,“ sagt der Co-Trainer.

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Auf dem Rasen trägt Schicker eine eigens gefertigte Sportprothese.  Sie ist weicher als der menschliche Arm, damit er im Kopfballduell den Gegner nicht verletzt. Sie hilft ihm beim Schwenken der Arme während des Laufens, „hat aber keine elektronische Funktion. Mit ihr kann ich nicht zugreifen und deshalb auch keinen Stürmer zurückreißen.“ 

Im Alltag trägt er eine elektronisch gesteuerte Prothese mit dem kunstvollen Modellnamen Michelangelo. Sie ist klobiger als die rechte Hand und wiegt mit Schaft drei Kilo. Bewegt wird sie mit den Muskeln des Unterarms, sie dreht sich, schließt die Finger, greift leicht und stark zu. Alles eine Sache der Routine. Er kann sich an- und ausziehen, Schuhbänder binden, Besteck halten. „Es dauert halt alles etwas länger. Aber wenn ich geduldig bin, schaffe ich fast alles und frag’ mich im Nachhinein oft: Wie ist das jetzt wieder gegangen?“

© Marcel Köhler

Zum Glück ist die rechte Hand beinahe intakt. „Sonst wäre der Alltag ein Horror. So kann ich ihn komplett alleine meistern. Nur Fingernägel schneiden ist ein bisserl deppert.“ Dafür kann er mit Hilfe eines Knopfes am Lenkrad und Automatikgetriebe Auto fahren. Kochen, seine Leidenschaft, ist ebenso wenig ein Problem, wie technische Handgriffe im Haushalt. „Ich kann auch mit dem Akkubohrer schrauben. Ich muss mich nur einfach mehr konzentrieren als früher.“