Trend Slow Food:
Die Entdeckung der Langsamkeit

Vor dreißig Jahren wurde in Italien aus Protest gegen die Fast-Food-Industrie die Slow-Food-Bewegung gegründet. Mittlerweile ist sie auch in Österreich höchst populär.

Am Anfang stand eine persönliche Entrüstung. Denn als Mitte der Achtzigerjahre im Stadtzentrum von Rom, inmitten des historischen Ambientes der Piazza Navona, die erste Filiale einer bekannten internationalen Hamburgerkette eröffnen wollte, stieg ein einzelner Mann als Hüter bewusster, authentischer Genusskultur gegen den US-Konzern auf die Barrikaden: In einer spontanen kulinarischen Guerilla-Aktion veranstaltete der italienische Food-Journalist und Restaurantkritiker Carlo Petrini mitten auf der Spanischen Treppe ein großes, öffentliches Spaghetti-Essen, um Aufmerksamkeit für das in seinen Augen ebenso unkultivierte wie verantwortungslose Agieren der Fast-Food-Industrie zu schaffen und dem globalen Einheitsmenü made in USA einen authentischen Klassiker der italienischen Küche entgegenzuhalten.

Mit seinem privaten Protest konnte zwar auch Petrini den Siegeszug des Hamburgers in Italien nicht verhindern, doch immerhin wurde er mit seiner Aktion bereits vor dreißig Jahren zu einem der ersten Nachhaltigkeitspioniere auf dem Nahrungsmittelsektor und mit seiner Protestinitiative, die er in bewusster, ironischer Verweigerungshaltung zur Unkultur des schnellen Verschlingens minderwertiger, industriell gefertigter Kalorienbomben "Slow Food" betitelte, zu einer Kultfigur. Bereits einige Jahre zuvor hatte er mit der Gründung seiner Gesellschaft der Freunde des Barolo auf die damaligen Missstände der italienischen Weinindustrie aufmerksam gemacht, die mit Methanol gepanschten Billig-Rotwein auf den Markt gebracht hatte.

Der Kern der Slow-Food-Philosophie basiert auf nachhaltigen, natürlichen Produkten aus der Region, mit Qualität, Authentizität und Geschichte.
© valentinrussanov / iStock

Der Kern der Slow-Food-Philosophie basiert auf nachhaltigen, natürlichen Produkten aus der Region, mit Qualität, Authentizität und Geschichte.

Petrini: „In den vergangenen 50 Jahren hat unser Essen massiv an Wert verloren.“
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Petrini: „In den vergangenen 50 Jahren hat unser Essen massiv an Wert verloren.“

Carlo Petrini: Kulinarik-Publizist, Visionär, Nachhaltigkeitspionier und Gründer der Slow-Food-Bewegung
© Archivio Slow Food

Carlo Petrini: Kulinarik-Publizist, Visionär, Nachhaltigkeitspionier und Gründer der Slow-Food-Bewegung

 

 

Mit Slow Food holte er zu einem noch wesentlich weiter gefassten Gegenschlag zu den Praktiken der Nahrungsmittelindustrie aus und rief mit seinem alle zwei Jahre in Turin stattfindenden Salone del Gusto e Terra Madre eine der heute größten und erfolgreichsten Gourmet-Messen der Welt ins Leben, die zugleich als großes internationales Netzwerktreffen der mittlerweile globalen Slow-Food-Bewegung mit weit über 100.000 Mitgliedern in über 150 Ländern fungiert.
Zu den prominentesten Slow-Food-Jüngern zählt zum Beispiel kein Geringerer als der britische Thronfolger Prinz Charles höchstpersönlich sowie weltberühmte Spitzenköche wie Ferran Adrià, Alain Ducasse und Eckart Witzigmann.

„Essen war einst ein geradezu heiliges Thema, dem man mit Respekt begegnete, heute ist das wesentliche Merkmal unserer Konsumgesellschaft vor allem die Produktion von Abfall.“

Carlo Petrini, Gründer der Slow-Food-Bewegung

Slow Food als wachsender
Gesellschaftstrend

Doch nicht nur in prominenten Kreisen und bei professionellen Gourmets stoßen Petrinis Thesen, mit denen er seine Initiative einer bewussten, verantwortungsvollen und nachhaltigen Genuss- und Ernährungskultur ins Leben rief, auf rapide wachsende Akzeptanz, sondern auch in immer breiteren Gesellschaftsschichten. Denn Slow Food ist keineswegs nur eine Philosophie des bewussten Genießens, sondern vor allem auch ein kritischer, von Verantwortungs-, Umwelt- und Gesundheitsbewusstsein geprägter Zugang zum Thema Ernährung, der sich mit vielfältigen Bereichen der Herstellung, der Verarbeitung und des Konsums befasst, von der Rekultivierung alter, authentischer Obst- und Gemüsesorten über ökonomische und ökologische Fragen regionaler Nahrungsmittelproduktion in einem globalisierten Umfeld bis hin zur bewussten Ernährungserziehung in Schulen und Kindergärten.

"In den vergangenen 50 Jahren hat unser Essen massiv an Wert verloren", sagt der heute 65-jährige Slow-Food-Guru Petrini. "Dementsprechend ist auch unsere Wertschätzung dafür stark gesunken – genau das ist es, was wir verändern wollen. Essen war einst ein geradezu heiliges Thema, dem man mit Respekt begegnete, heute ist das wesentliche Merkmal unserer Konsumgesellschaft vor allem die Produktion von Abfall. Alleine in den europäischen Nationen landen Tag für Tag tausende Tonnen an Nahrungsmitteln direkt im Müll, auf der anderen Seite dieser fehlgeleiteten Entwicklung steht das Phänomen, dass hochqualitative Nahrungsmittel mittlerweile zum teuren Statussymbol geworden sind. Nachhaltige, natürliche Produkte sind heute im Grunde nicht mehr als ein exklusives Nischenprodukt für eine wohlhabende Minderheit, während die breite Masse sich mit ständig sinkender und gesundheitlich problematischer Nahrungsmittelqualität zufriedengeben muss. Deshalb wollen wir mit Slow Food einer neuen Schule des Denkens den Weg bereiten: einem neuen Humanismus, der nicht auf permanentem, egoistischem Konsum basiert, sondern auf einer Kultur des bewussten, nachhaltigen und fairen Gebens und Nehmens."

Mehr Komfort im Krankheitsfall

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Weitere Informationen

Wissenswert

Ein  wichtiges Kriterium der Slow-Food-Gastronomie: Ein Menü darf nicht mehr als 35 Euro kosten, denn im Sinne der Integrierung von Slow Food in den Alltag und dem Slow-Food- Grundsatz "Buono, pulito e giusto – gut, sauber und fair" ist abgehobene Exklusivität auch bei der Preisgestaltung streng verpönt.

 

Nachhaltige, natürliche Produkte sind heute im Grunde nicht mehr als ein exklusives Nischenprodukt.
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Nachhaltige, natürliche Produkte sind heute im Grunde nicht mehr als ein exklusives Nischenprodukt.

Think global, eat local

Einer der wichtigsten Grundsätze der Slow-Food-Bewegung: Hochqualitatives Essen aus verantwortungsvoll hergestellten Zutaten muss vom Podest des Exklusiven heruntergeholt und wieder in die Selbstverständlichkeit des Alltags integriert werden. Dies, so die Slow-Food-Philosophie, kann nur gelingen, wenn Produzenten und Konsumenten wieder näher zueinander rücken, speziell auch in der Gastronomie, im Sinne des Gedankens: Think global, eat local.

Eine Idee, deren Umsetzung gerade in Österreich, dem Land der unzähligen kleinen Gasthäuser und der oft seit Generationen als traditionelle Familienbetriebe geführten Restaurants, im Grunde gar nicht so schwer fallen dürfte. Deshalb haben sich gleich drei namhafte Vertreter der österreichischen Slow-Food-Bewegung der verdienstvollen Aufgabe gewidmet, die Kultur des guten Essens im möglichst nahen Umfeld wiederzuentdecken und in Buchform einer breiten Öffentlichkeit nahezubringen: einerseits als praktischer Gastro-Guide, andererseits aber auch als wertvolles Handbuch für nachhaltigen Tourismus, um die typische Identität einer Region möglichst unverfälscht und hautnah erleben zu können.

Zum einen sind dies Severin Corti, Food-Redakteur und Gastrokritiker der Tageszeitung "Der Standard" und der in Italien lebende Autor, Journalist und Gastronom Georges Desrues, Absolvent der Slow-Food-Universität im Piemont, die gemeinsam mit "Slow Food 2015" das österreichische Pendant zum "Osterie d’Italia"-Guide, der legendären Restaurantführer-Bibel der italienischen Slow-Food-Bewegung, verfasst haben. Darin präsentieren sie in ebenso launiger wie höchst kompetenter Form von ihnen höchstpersönlich getestete Adressen authentischer Esskultur in sämtlichen österreichischen Bundesländern sowie im benachbarten Südtirol und Slowenien, die in ihrer bunten Verschiedenheit vor allem eines gemeinsam haben: Sie zelebrieren die typischen Küchen und Spezialitäten ihrer jeweiligen Region, beziehen ihre Produkte lokal von Lebensmittelhandwerkern und Bauern aus der nahen Umgebung, verarbeiten sie zu bemerkenswerten Gerichten und bieten ein behagliches, gastfreundliches Ambiente.

Der zweite, ebenso kompetente und umfangreiche Slow-Food-Führer stammt von Florian Holzer, einer der bekanntesten Kulinarik-Autoren des Landes und langjähriger Restaurant-Kritiker bei der Wochenzeitung "Falter" sowie der Tageszeitung "Kurier". Gemeinsam mit Falter-Autorin Nina Kaltenbrunner verrät er nicht weniger als 120 regionale Slow-Food-Geheimtipps in dem gemeinsam von der österreichischen Biobauern-Organisation Bio Austria und Slow Food Wien herausgegebenen Band "Eat slow!". Ein bislang einzigartiger und liebevoll gestalteter Überblick über regionale Köstlichkeiten und Bioproduzenten in den östlichen Bundesländern Wien, Niederösterreich, Burgenland und Steiermark, der detailreich die jeweiligen Besonderheiten der Produkte, ihrer Philosophie und ihrer Hersteller präsentiert – bis hin zu ihrer oft langjährigen Hintergrund- und Entstehungsgeschichte. Was lange dauert, echte Tradition hat und viel Zeit und Sorgfalt in Anspruch nimmt, schmeckt eben meist besonders gut!

In „Eat Slow“ verrät Kulinarik-Autor Florian Holzer nicht weniger als 120 regionale Slow-Food-Geheimtipps.
© Falter Verlag

In „Eat Slow“ verrät Kulinarik-Autor Florian Holzer nicht weniger als 120 regionale Slow-Food-Geheimtipps.

Severin Corti und Georges Desrues sammeln im „Slow Food 2015“ höchstpersönlich getestete Adressen authentischer Esskultur.
© echomedia

Severin Corti und Georges Desrues sammeln im „Slow Food 2015“ höchstpersönlich getestete Adressen authentischer Esskultur.